Online-Workshop: Künstliche Intelligenz (KI)
Künstliche Intelligenz – dieses Stichwort ist gerade in aller Munde. Und nun? Beim Online-Workshop blickten Stipendiaten und Alumni zusammen mit den Referenten hinter die Kulissen und erhielten einen ganzheitlichen Überblick über das Thema KI & Maschinelles Lernen. Wir haben mit den beiden Referenten Alexander Braun und Dr. Lars Lüder sowie mit Stipendiat Mohab Abbas gesprochen.

Interview mit Alexander Braun & Dr. Lars Lüder
Herr Lüder, um ins Thema einzusteigen, vervollständigen Sie den nachfolgenden Satz: Künstliche Intelligenz ist für mich…
…eine aufregende neue Technologie, die Einfluss auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens nehmen wird bzw. bereits genommen hat. Und sie ist ein Werkzeug, mit dem man viele tolle Dinge machen kann, aber dessen Umgang man – wie bei jedem Werkzeug – lernen und verstehen sollte.
Was war Ihnen wichtig, den Workshopteilnehmenden zu vermitteln und mitzugeben?
Alexander Braun: Wir wollten vor allem einen Überblick über die verschiedenen Einsatzbereiche von KI in der Praxis geben und den Teilnehmenden viele Beispiele zeigen, wie KI-Anwendungen im Alltag, Studium oder bei der Arbeit hilfreich sein können. Wir wollten darüber hinaus aber auch erklären, wie KI grundlegend funktioniert und wo potenzielle Grenzen und Risiken bestehen. Denn wenn wir immer mehr mit dieser neuen Technologie konfrontiert werden, ist es wichtig zu verstehen, was sie überhaupt leisten kann und wo sie scheitert.
Wie sind Sie zum Thema KI gekommen?
Lars Lüder: Während meiner Tätigkeit in der Wissenschaft habe ich zahlreiche Forschungsprojekte mit KI und Maschinellem Lernen kennengelernt, beispielsweise bei einer effizienten Auswertung aus experimentell gewonnenen Messdaten, sodass ich ursprünglich über die Forschung zu dem Thema KI gekommen bin. Aber so richtig in das Feld der KI eingetreten bin ich über meine jetzige Anstellung am Tübingen AI Center beim Bundeswettbewerb KI.
Was fasziniert Sie an KI?
Alexander Braun: Am meisten fasziniert mich an KI, dass sie völlig anders funktioniert als alle Werkzeuge und Technologien, die die Menschheit bisher entwickelt hat. Wenn früher ein Computer eine Aufgabe lösen sollte, musste man ihm ganz genaue Anweisungen geben, wie er vorgehen soll. KI hingegen lernt eine Aufgabe anhand von Beispielen und entwickelt dabei selbst eine geeignete Lösung. Das eröffnet uns völlig neue Möglichkeiten. KI-Anwendungen können Gedichte schreiben, Bilder malen oder Lieder komponieren, ohne dass ein Mensch ihr sagt, was zu tun ist. Auf der anderen Seite führen die selbstlernenden KIs aber auch dazu, dass selbst die Menschen, die sie gebaut haben, nicht immer genau erklären können, wie das Programm auf ein bestimmtes Ergebnis gekommen ist. Diese Eigenschaft macht KI zu einem faszinierenden Werkzeug und gleichzeitig zu einer völlig neuartigen Herausforderung.
Welche Herausforderungen und Fragen von Ethik und Urheberschaft bringen KI-Anwendungen mit sich?
Lars Lüder: Künstliche Intelligenz ist eine neue Technologie, deren Anwendung genau bedacht werden sollte. Damit meine ich beispielsweise Überlegungen, ob die Anwendung eines bestimmten KI-Tools ethisch vertretbar ist und welche Folgen eine KI-Anwendung haben könnte. Gerade im Bereich der „Generativen KI“, wo man mit Hilfe von trainierten künstlichen neuronalen Netzen neue Inhalte wie Texte, Bilder oder Musik kreieren kann, muss geklärt werden, wer nun als Urheber gilt: Ist es die Person, die den Prompt eingegeben hat und den Inhalt erschaffen hat? Ist es womöglich der Programmierer der KI-Software? Oder ist es am Ende die KI selbst? Auch die Künstlerinnen und Künstler, deren Werke für das Training der KI verwendet wurden, haben einen wesentlichen Anteil daran, welche Ergebnisse die KI letztendlich ausspuckt. Antworten auf Fragen über die Urheberschaft sind daher nicht trivial und müssen diskutiert werden.

Alexander Braun | Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Tübingen
»Am meisten fasziniert mich an KI, dass sie völlig anders funktioniert als alle Werkzeuge und Technologien, die die Menschheit bisher entwickelt hat.«
Sie haben im Workshop auch die Plattform „To Teach“ vorgestellt. Inwieweit können KI-Anwendungen für die (Hoch-)Schulbildung und die Gestaltung von Lerninhalten nützlich sein?
Alexander Braun: Für Lehrkräfte und Dozierende bieten KI-Anwendungen neue Möglichkeiten, um spannende und motivierende Unterrichtsmaterialien zu erstellen. Aus nüchternen Texten können zum Beispiel Bilder oder Videos erzeugt werden, die den Lehrstoff anschaulich vermitteln. Schüler können mit historischen Persönlichkeiten wie Napoleon oder Marie Curie „chatten“ und dabei Geschichte hautnah erleben oder gemeinsam mit der KI eine Fantasiegeschichte schreiben und gleichzeitig Tipps und Feedback bekommen. Jeder Schüler könnte mit einem eigenen KI-Tutor Lehrstoff in der passenden Geschwindigkeit lernen, Hausaufgaben bearbeiten und jederzeit Fragen stellen. KI kann und sollte eine menschliche Lehrkraft auf keinen Fall ersetzen, aber kann eine wichtige Unterstützung für motivierendes und adaptives Lernen sein.
Lässt sich KI auch als Zeitmanagement-Tool einsetzen, z.B. um einen Lernplan zu erstellen?
Lars Lüder: Bestimmt. Ich habe es noch nicht getestet, aber ich könnte mir vorstellen, einer KI den zu lernenden Inhalt einzugeben, gegebenenfalls die Prüfungsordnung zu beschreiben und sie dann anzuweisen, einen personalisierten Lernplan auf Basis der gefütterten Daten zu erstellen. Allerdings rate ich stets dazu, KI-generierte Inhalte auf Korrektheit zu überprüfen, denn Anwendungen wie z.B. ChatGPT, die mit Maschinellem Lernen trainiert wurden, verfügen über kein Verständnis im menschlichen Sinne. Die KI berechnet lediglich die Wahrscheinlichkeiten der Wörter und generiert Antworten in ähnlichen Mustern, so wie es im Vorfeld durch den Menschen trainiert wurde. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man KI-Anwendungen sinnvoll einsetzen kann, sodass ein Mehrwert für den Einzelnen entsteht.
Welche KI-Tools nutzen Sie beispielsweise gerne im Alltag?
Alexander Braun: Ich nutze regelmäßig ChatGPT, beispielsweise beim Programmieren oder beim Schreiben von längeren Texten. Zudem erstelle ich gerne Bilder und Musik mithilfe von KI-Anwendungen wie Dall-E und Suno. Mit Elevenlabs und D-ID lassen sich Gemälde oder Bilder von historischen Persönlichkeiten zum Leben erwecken und lesen beliebige Texte vor. Das nutze ich oft, um Vorträge aufzulockern oder auch als Geburtstagsgrüße.

Dr. Lars Lüder | Nanowissenschaftler, Projektkoordinator für Lernmedien beim Bundeswettbewerb Künstliche Intelligenz
»Ich bin optimistisch und der Ansicht, dass Arbeitsprozesse durch KI eher verbessert werden und KI-Anwendungen den Menschen bei der Arbeit unterstützen.«
Im Workshop diskutierten die Stipendiaten auch einige Fragen, u.a. zur Gefährdung von Arbeitsplätzen durch KI. Was meinen Sie, vernichtet KI Arbeitsplätze oder unterstützt und verbessert sie eher Arbeitsprozesse?
Lars Lüder: Ich bin optimistisch und der Ansicht, dass Arbeitsprozesse durch KI eher verbessert werden und KI-Anwendungen den Menschen bei der Arbeit unterstützen. Ich denke dabei an Tools, die beispielsweise in Firmen die Qualitätsüberprüfung effizienter gestalten, Ärzte bei der Diagnose unterstützen oder in Ämtern die Bürokratie reduzieren. Einige Arbeitsplätze werden, wie es bei der Etablierung neuer Technologien immer der Fall ist, wegfallen, aber es werden auch neue Arbeitsplätze entstehen. In jedem Fall sollten KI-Anwendungen im Einzelnen betrachtet und ihr Risiko abgewogen werden, weswegen ich auch das kommende Gesetz der Europäischen Union zur Regulierung von KI-Technologien („EU AI Act“) gutheiße.
Wie könnten zukünftig Studierende KI (vermehrt) sinnvoll im Studium nutzen?
Alexander Braun: KI-Anwendungen können eine große Hilfe beim Lernen oder Schreiben von Hausarbeiten sein. Hier gibt es Anwendungen, die beliebige Verständnisfragen zu einem PDF-Dokument oder einem YouTube-Video beantworten und deren Inhalt zusammenfassen oder bei der Suche nach wissenschaftlichen Texten und anderen Quellen unterstützen können. KI kann aber auch bei der Organisation des Studienalltags helfen, indem sie Mind-Maps oder Zeit- und Lernpläne erstellt. Viele Studierende besuchen Kurse oder Universitäten, in denen nicht ihre Muttersprache gesprochen wird. Übersetzungs-KIs wie DeepL oder Google Translate können hier eine große Unterstützung sein.
Die Referenten:
Alexander Braun hat 2023 sein Master-Studium in Maschinellem Lernen an der Universität Tübingen abgeschlossen. Während des Studiums war er beim Bundeswettbewerb Künstliche Intelligenz tätig und hat dort wesentlich am online KI-Kurs mitgewirkt, sowie Vorträge und Workshops zur Integration von KI in den Schulunterricht gehalten. Seit Dezember 2023 arbeitet er am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Tübingen und entwickelt dort KI-gestützte Tutorensysteme für den Bildungsbereich.
Dr. Lars Lüder hat an der Universität Tübingen Nanowissenschaften studiert und anschließend am Forschungszentrum Empa in der Schweiz im selben Fach promoviert. Seit Januar 2023 arbeitet er als Projektkoordinator für Lernmedien beim Bundeswettbewerb Künstliche Intelligenz (BWKI) und betreut dort den online KI-Kurs. Auch die Präsentation des BWKI (z.B. bei Bildungsmessen), Teile des Public Engagements und Jugendbetreuung im Tübinger KI-Makerspace gehören zu seinen Tätigkeiten.
Interview mit Mohab Abbas
Hattest du bereits Vorkenntnisse zum Thema KI und Maschinellem Lernen?
Ja, ich hatte bereits einige Vorkenntnisse zum Thema Künstliche Intelligenz und wollte schon immer mehr über KI, Maschinelles Lernen und richtiges Prompten erfahren. Prompts bieten somit einen zentralen Leitfaden für die KI, um gewünschte Ergebnisse zu erzielen. Ich denke, dass sich viele Jobs in der Zukunft verändern werden und Effizienz eine immer wichtigere Rolle einnehmen wird. Deswegen sollte man für die Anwendung von KI in der Arbeitswelt gewappnet sein.
Wie blickst du auf das Thema KI: mit Sorge, Neugier, Ungewissheit etc.?
Ich betrachte das Thema KI mit einer Mischung aus Neugierde und Skepsis. Auf der einen Seite bin ich fasziniert von den Möglichkeiten, die KI bietet, vor allem im Hinblick auf die Steigerung der Effizienz und die Vermeidung von Routineaufgaben. Auf der anderen Seite mache ich mir Gedanken über die ethischen und datenschutzrechtlichen Aspekte. Die Frage ist: Was passiert mit unseren Daten? KI-Systeme müssen unbedingt transparent gestaltet werden und die Privatsphäre der Nutzer muss geschützt bleiben. Zudem gibt es derzeit keine klaren Gesetze für KI-generierte Bilder und die Urheberrechtssituation ist oft unbekannt, was zu juristischen Unklarheiten führt. Ich befürchte zudem, dass die KI nicht immer zwischen guten und schlechten Absichten zu unterscheiden vermag. Deepfakes sind eine große Bedrohung für die politische Landschaft, denn sie können dazu verwendet werden, Fehlinformationen zu verbreiten und den Leumund von Politikern zu schädigen. Mit manipulierten Videos und Bildern können gefälschte Informationen verbreitet, das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen untergraben und politische Wahlen beeinflusst werden. Daher ist es von zentraler Wichtigkeit, dass die Regierungen, Technologiefirmen und die Öffentlichkeit zusammenarbeiten, um Mechanismen zur Identifizierung und Bekämpfung von Deepfakes zu entwickeln, um die Integrität der politischen Prozesse zu schützen.

Mohab Abbas | Stipendiat, Entrepreneurship (Master), Hochschule Heilbronn
»Ich denke, KI ist eine gute Unterstützung, die Arbeit abnehmen kann, aber es ist gefährlich, sich nur auf KI zu verlassen.«
Welche KI-Tools benutzt du im Alltag?
Im Alltag nutze ich verschiedene KI-Tools. Eines davon ist DALLE, mit dem ich Bilder generiere für Präsentationen oder Pitches. Es braucht meistens mehrere Anläufe bis die KI versteht, welches Bild ich mir gerade vorstelle, aber am Ende ist das Ergebnis verblüffend. Diese Technologien haben das Potenzial, die Zukunft des automatisch generierten Contents für Social Media erheblich zu beeinflussen. Schon immer wollte ich programmieren lernen, doch bisher fehlte mir die Zeit dafür. KI wird in Zukunft das Coden übernehmen.
Welche Erkenntnisse hast du aus dem Workshop für dich mitgenommen?
Aus dem Workshop habe ich zahlreiche neue Erkenntnisse mitgenommen, insbesondere über die Anwendung von KI in verschiedenen Industrien. Besonders spannend fand ich die Diskussionen über ethische Fragestellungen. KI kann die Effizienz erheblich steigern und Menschen von repetitiven Aufgaben entlasten, wodurch sie sich auf kreativere und strategische Tätigkeiten konzentrieren können. Ich denke, KI ist eine gute Unterstützung, die Arbeit abnehmen kann, aber es ist gefährlich, sich nur auf KI zu verlassen. Menschliche Überprüfung und kritisches Denken sind weiterhin unerlässlich, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Ein weiterer wichtiger Punkt war die praktische Anwendung: Ich habe erfahren, wie man mithilfe von Elevenlabs, KI-generierten Bildern und D-ID kurze Videos für Social Media erstellen kann.
Was ist Prompting?
Beim Prompting handelt es sich um klar formulierte Anweisungen oder Fragen, die an ein KI-System gerichtet sind, um spezifische Reaktionen oder Antworten von einer KI zu generieren. Beispiel: Du möchtest mithilfe von ChatGPT E-Mails verfassen. Ein effektiver Prompt könnte dann lauten: „Verfasse eine professionelle E-Mail an meine Kollegin XY, in der du um zusätzliche Informationen für das Projekt XY bittest.“ Quelle: www.iu-akademie.de/blog/was-ist-prompting
Deutsch-ukrainisches Buchprojekt: „Eine Jacke, die sich nach dem Winter sehnt“
Der Krieg in der Ukraine prägt das Leben vieler Menschen. Nicht nur Ukrainer, die als Geflüchtete mit einem Leben in der Fremde konfrontiert sind, sondern auch Deutsche, die Anteil nehmen, Sprachbarrieren überwinden und sich zivilgesellschaftlich engagieren. So auch die drei Frauen Almut Baumgarten, Chrystyna Nazarkewytsch und Merle Tebbe, die in Eigeninitiative das deutsch-ukrainische Buch „Eine Jacke, die sich nach dem Winter sehnt“ veröffentlichten. Merle ist Alumna der Stiftung und hat für das Buch die Illustrationen gefertigt. Über das Projekt, welches 2023 mit dem Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet wurde, haben wir mit ihr gesprochen.

Interview mit Merle Tebbe
„Eine Jacke, die sich nach dem Winter sehnt“ – Merle, wie ist dieses Buchprojekt entstanden?
Die Autorin Almut Baumgarten hat nach dem Angriff auf die Ukraine eine geflüchtete Familie zu Hause aufgenommen. In dieser Zeit ist der Plan für eine illustrierte und zweisprachige Erzählung entstanden. Mit ihrem Text hat sie die wundervolle Chrystyna Nazarkewytsch aus Lwiw (Lemberg) als Übersetzerin und mich als Illustratorin und Buchgestalterin für das Projekt gewonnen. Wir waren also schon sehr früh Teil des Prozesses, der zu einer intensiven Teamarbeit wurde. Das Buch ist den zwei ukrainischen Mädchen gewidmet, die bei Almut gelebt haben.
Welche Idee steckt hinter dem Buchprojekt und welche Themen werden behandelt?
Mit dem Buch möchten wir eine Möglichkeit schaffen, sich gemeinsam über Sprachbarrieren hinweg mit dem Thema „Ankunft und Leben nach der Flucht“ zu beschäftigen, insbesondere für Gruppen, in denen Deutsch oder Ukrainisch auf unterschiedlichen Sprachniveaus gesprochen wird. Es bildet eine gemeinsame Basis für das Gespräch, unabhängig von der jeweiligen Sprachkenntnis. Die parallele Anordnung der zwei Sprachen ermöglicht paralleles Lesen und ist damit auch auf den Gebrauch im Unterricht für Schüler ab 8 Jahren ausgelegt. An den Lesungen in Schulklassen sind die ukrainischen Schülerinnen und Schüler als Co-Lesende beteiligt. Sie sind Hauptpersonen der Veranstaltung, Experten und Vermittler ihrer Erfahrungen und ihrer Sprache. Und die deutschsprachigen Schülerinnen und Schüler erfahren aus einer jungen Erzählperspektive, wie sich Heimweh und Sorge der Geflüchteten anfühlen mögen.

Merle Tebbe | Alumna, Kommunikationsdesignerin & Illustratorin
»Mit dem Buch möchten wir eine Möglichkeit schaffen, sich gemeinsam über Sprachbarrieren hinweg mit dem Thema Ankunft und Leben nach der Flucht zu beschäftigen.«
Du hast die Illustrationen zu dem Buch gemacht. Was hat dich zu dem Projekt motiviert?
In Krisensituationen haben ja zum Glück die meisten von uns den Impuls, Hilfe zu leisten. Je nach Veranlagung und Möglichkeiten schaut das „Wie“ bei allen anders aus. Ich fühle mich am nützlichsten im konkreten Tun und Anpacken, hatte aber nicht die räumlichen Möglichkeiten, geflüchtete Menschen aufzunehmen. Durch unsere Freundschaft habe ich Almuts Reise mitbekommen und die Familie kennengelernt. Die Erzählung in Kombination mit Illustration verbindet die simple Nützlichkeit von Lernmaterialien mit der tröstenden, menschlichen Kraft der Empathie. Ich denke, gerade in Notsituationen ist es unfassbar wichtig, gesehen zu werden und das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass sich andere Menschen bemühen zu verstehen, nachzuempfinden und mit auszuhalten, ohne zu verharmlosen, zu verdrängen oder wieder gut machen zu wollen.
Wie bist du an deinen Illustrationen herangegangen, wie hat dich der Text dabei beeinflusst, was war dir dabei wichtig (zu transportieren)?
Der Text hat mich durch die szenische / episodische Erzählstruktur direkt an das Gefühl erinnert, das ich in meinen eigenen Krisensituationen empfunden habe: eine Art fragmentarische Wahrnehmung, in der alle Sinne geschärft sind und man sich zeitgleich verwirrt und verloren fühlt. Es ist, als ob Zeit nicht mehr linear abläuft und man alles gleichzeitig – also z. B. auch manch unwichtige Details – sehr intensiv empfindet. Verschiedene reale Eindrücke verschwimmen mit Erinnerungen, Vorstellungen oder Träumen zu einem Konglomerat aus nicht greifbaren Emotionen, die nicht zwingend nur düster sein müssen. Die Collagen-Stilistik der Buchillustrationen bietet durch ihre Abstraktion individuelle Interpretationsmöglichkeiten auf der Gefühlsebene und somit den Raum, die Intensität der eigenen Identifizierung oder Bezugnahme zum Thema selbst zu dosieren.


Von der Idee bis zum fertigen Buch: Welche Herausforderungen gab es?
Eine Herausforderung im Prozess war sicherlich die Balance zwischen Qualität und Kostenpunkt des Buchs zu finden. Wir wollten ein Produkt, das in Optik und Haptik dem Wert seines Inhalts entspricht, aber es sollte natürlich bezahlbar bleiben. Die größte Herausforderung stellte sich, als wir das Buch in der Hand hatten. Denn damit es noch 2022 erscheinen konnte, haben wir das Buch im Selbstverlag produziert. Und den Arbeitsaufwand für die Vermarktung haben wir unterschätzt.
Was war für dich ein ganz besonderer Moment im Projektverlauf?
Da gibt es gleich mehrere: Einmal war es toll, Zeit mit der Familie zu verbringen, die inspirationsgebend für die Erzählung war. Dann war unsere Teamarbeit und wie wir drei im engen Austausch standen etwas sehr Wertvolles. Und ganz besonders habe ich mich noch über das Feedback einer Kinderpsychologin gefreut, die unser Buch für die Arbeit mit einem traumatisierten Flüchtlingskind genutzt hat, das wohl aufgrund der Bilder wieder angefangen hat, in der Schule zu kommunizieren.
Euer Buch wurde 2023 als eines von 65 Projekten im Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet und mit einem Preisgeld von 2.000 Euro belohnt. Herzlichen Glückwunsch nochmal! Wie wichtig sind für dich Demokratie und Toleranz in unserer Zivilgesellschaft?
Ich bin wohlbehütet in einer Kleinstadt aufgewachsen und von zwei Sozialpädagogen großgezogen worden. Die Kriegsgeschichten meiner Oma klangen wie aus einem anderen Leben. Für mich persönlich war es immer wichtig, aber auch selbstverständlich, demokratische Werte zu leben, emphatisch und tolerant zu sein. Jede Situation, die mich lehrte, dass dies nicht für alle Menschen gilt, hat mein Weltbild schwer erschüttert. Das Privileg, in einem sicheren und demokratischen Land zu leben, ist mir sehr bewusst. Es ist alarmierend, wie Meinungen statt Fakten Gruppendynamiken gegen demokratische Werte steuern und wie Krisen und Ängste diese Dynamik befeuern. Die Verwundbarkeit der Demokratie, vor der meine Oma gewarnt hat, fühlt sich derzeit greifbar nah an und ich denke, die Menschen, die das System noch gut schützt, sind besonders in der Pflicht, aktiv für diese Werte einzustehen.
Infos zum Buch

Almut Baumgarten / Chrystyna Nazarkewytsch / Merle Tebbe
Eine Jacke, die sich nach dem Winter sehnt
ab 8 Jahren, Deutsch/Ukrainisch, 60 Seiten
Annotschka lebt mit ihrer Familie in der Fremde – ohne Pako, ihren Hund, und ohne Papa. Der hatte beim Abschied nur einen Wunsch: Sie sollen fröhlich sein. Ab und an gelingt es. Dann zieht Annotschka einen Strich auf der „Mama-ist-fröhlich-Seite“ ihrer geheimen Liste. Doch „Mama ist traurig“ liegt vorn – bis der erste Schnee fällt. In leisen Tönen und in Szenen, die mal traurig, mal heiter, oft beides zugleich sind, erzählt Almut Baumgarten von Annotschkas Erlebnissen und Erinnerungen, von wirklichen Gefühlen und unwirklichen Zimmern, von kleinen Geheimnissen und großen Überraschungen.
Website: www.einejacke.de
Was macht eigentlich … Alumna Janin Popa?
Janin Popa hat an der Universität Osnabrück Psychologie studiert und war bis November 2020 Stipendiatin der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung. Heute arbeitet sie als Mediatorin und absolviert aktuell die Ausbildung zur Psychotherapeutin.

Janin Popa | Alumna, Psychologin und Psychotherapeutin in Ausbildung
Janin, du hast Psychologie studiert und machst aktuell eine Ausbildung zur Psychotherapeutin. Was hat dich dazu motiviert?
Mich hat schon immer das Unbewusste fasziniert und die Frage, wie Erfahrungen Individuen und Gesellschaften prägen und diese von Generation zu Generation weitergegeben werden. Auch die Möglichkeit, Menschen über einen längeren Zeitraum intensiv begleiten zu können, motiviert mich auf diesem Weg.
Mit welchen Themen bzw. Schwerpunkten beschäftigst du dich aktuell in deiner Ausbildung zur Psychotherapeutin?
In einer kombinierten Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten und analytischen Psychotherapeutin beschäftige ich mich mit den psychodynamischen Verfahren. Auch die weiteren psychotherapeutischen Richtlinienverfahren, wie die systemische Psychotherapie oder die Verhaltenstherapie, interessieren mich und es ist toll, dass es eine Vielfalt an therapeutischen Angeboten gibt, da jede Person sowie ihre Fragestellungen und Bedürfnisse einzigartig sind.
Was begeistert dich an deiner Arbeit als Psychologin?
Zum einen ist es die vielfältige Arbeit und die Begegnung mit unterschiedlichen Menschen mit ihren individuellen Geschichten. Zum anderen erlebe ich die Arbeit in einem interdisziplinären Team als bereichernd, weil dies zu einer Perspektiverweiterung beiträgt.
In welchem Bereich möchtest du nach deiner Ausbildung gerne arbeiten?
Nach der Ausbildung möchte ich in einer psychotherapeutischen Praxis arbeiten.
Seit vielen Jahren gibt es Engpässe bei der psychotherapeutischen Unterstützung. Was braucht es deiner Meinung nach noch an (staatlicher) Unterstützung bzw. Änderungen, um den Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe zu decken?
Die neue Weiterbildung mit abschließender Approbation durch das Studium ermöglicht es Masterabsolventen anschließend selbständig Therapien durchzuführen. Dies kann von Selbstzahlenden in Anspruch genommen werden. Für die Ausübung psychotherapeutischer Richtlinienverfahren, die durch die gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden, ist eine zusätzliche Weiterbildung erforderlich. Gut wäre es hier, wenn es, wie bei den ärztlichen Kollegen auch, eine angemessene Vergütung für Psychotherapeuten in Weiterbildung gäbe, denn sie sind innerhalb der Weiterbildungsstätten sowie den Kliniken und Praxen an der psychotherapeutischen Regelversorgung beteiligt. Vereinfachte digitale Lösungen für die Antragstellung und die Gutachterverfahren könnten zusätzlich für Entlastung und damit für eine schnellere Bearbeitung sowie eine verkürzte Wartezeit für Hilfesuchende sorgen.
Reform der Psychotherapeutenausbildung (ab 2020): Was ändert sich?
Geänderte Berufsbezeichnung: „Psychotherapeutin/Psychotherapeut“ ist die neue Berufsbezeichnung anstatt wie bisher „Psychologische Psychotherapeut/in oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in“.
Psychotherapie als Studienfach (3 Jahre Bachelor und 2 Jahre Master): Durch die Reform ist es seit Herbst 2020 möglich, an Universitäten ein Direktstudium in „Psychotherapie“ zu absolvieren.
Approbation nach erfolgreichem Studienabschluss: Sie erlaubt, den Beruf selbstständig und eigenverantwortlich auszuüben. Um sich allerdings mit einer Kassenpraxis niederlassen zu können, muss im Anschluss an diese studentische Approbation weiterhin die Weiterbildung zum Psychotherapeuten absolviert werden. Die Weiterbildung dauert mindestens fünf Jahre, davon mindestens zwei Jahre in einer Praxis oder einer Ambulanz und mindestens zwei Jahre in einer Klinik.
Bessere Vergütungsmöglichkeiten in der Weiterbildung: Psychotherapeuten in Ausbildung erhalten künftig eine Mindestvergütung von monatlich 1.000 Euro während der praktischen Tätigkeit (Vollzeit). Bisher war keine Vergütung geregelt. Die Mindestvergütung wird durch die Krankenkassen refinanziert.
Quellen: BDP-Verband | Bundesgesundheitsministerium
Stipendiaten-Wochenendfahrt 2024 „Improvisation und Inspiration“
Die diesjährige Wochenendfahrt bot den Stipendiaten viel Gelegenheit zum Kennenlernen und Ausprobieren. Denn beim Improvisationsworkshop mit Albert Schimmel, einem erfahrenen Theater- und Improvisationslehrer, ging es darum, die eigene Komfortzone zu verlassen, andere Perspektiven einzunehmen und sich auf Neues einzulassen. Die Improvisationsübungen waren darauf ausgerichtet, die Zusammenarbeit und Bindung zwischen den Teammitgliedern zu stärken oder zu verbessern. Stipendiatin Clara von Savigny gibt einen kleinen Einblick in den Workshop und was sie für sich mitgenommen hat.

Erfahrungsbericht
von Clara von Savigny

Durch verschiedene Improvisationsübungen lernten die Stipendiaten sich selbst und die anderen von einer neuen Seite kennen. Anleitung, Inspiration, Mut und Zuspruch, sich und neue Verhaltensweisen auszuprobieren, gab es von Workshopleiter und Theater- und Improvisationslehrer Albert Schimmel (rechts unten im Bild).
Der Samstag unseres Pfungstis-Wochenendes begann – für Wochenendverhältnisse – relativ früh, da wir um 9 Uhr unseren Improvisationslehrer Albert Schimmel erwarteten. Am Vorabend haben wir bereits viel darüber nachgedacht und gemeinsam gemutmaßt, was uns wohl erwarten wird. Albert hat mit uns sehr viele verschiedene Übungen gemacht, die uns schrittweise an die Kunst der Improvisation herangeführt haben, sodass wir nach der Mittagspause bereits in Paaren auf der Bühne vor dem Rest der Gruppe improvisieren konnten.
Drei wichtige Learnings, die ich aus dem Tag mitnehme sind:
• Beim Improvisieren geht es darum, loszulassen. Gerade (vermeintliche) Fehler machen die Improvisation sympathisch, authentisch und bringen das Publikum zum Lachen.
• Man arbeitet im Team und kann dadurch Geschichten lebendig werden lassen, auf die man alleine niemals kommen würde.
• „Ja, und…“ ist das Motto der Improvisation und bedeutet, dass man positiv und unterstützend auf die Aussagen des Improvisationspartners reagiert. Streiten und Verneinen sind zwar leichter, aber für das Publikum und für einen selbst nicht annähernd so lustig und angenehm.


Ich denke, dass ich mit meiner Aussage, dass der Tag sehr viel Spaß gemacht hat und für zahlreiche Momente im Leben sehr hilfreich und nützlich sein wird, für alle Teilnehmenden sprechen kann. Im Leben geht es viel darum, zu improvisieren, da man oftmals nicht weiß, welche Situationen auf einen zukommen oder was genau einem die Person gegenüber sagen wird. Währenddessen sollte man nicht vergessen, dass es sich im Team leichter leben lässt und man vielleicht etwas öfter loslassen und einfach machen sollte. Ganz getreu unserem gemeinsamen Abschlussmotto: „Improvisation ist alles!“
Improvisation: Was ist das eigentlich?
Beim Improvisieren geht es darum, auf etwas Unvorhergesehenes, Unerwartetes unmittelbar und spontan zu reagieren – ganz ohne Vorbereitung. Improvisation meint auch, mit unvorhersehbaren Situationen aus dem „Stehgreif“ konstruktiv umzugehen, sich den aktuellen Umständen bestmöglich anzupassen und kreativ Lösungen für auftretende Probleme zu finden. Das ist besonders im Studien- und Berufsalltag wichtig, z.B. in Prüfungen, Bewerbungssituationen, bei Kundenkontakt etc. Quelle und weitere Informationen: karrierebibel.de/improvisationstalent
